minidrama

MINIDRAMA

MEINE ARBEIT:  Text

MITARBEITER*INNEN:  Eigenarbeit

PRAXISPARTNER:  Eigenes Projekt

ERSCHEINUNGSJAHR:  2019

Wer kennt es nicht: Streit beim Familienessen - bei den meisten ist dies bereits vorprogrammiert. Doch wie weit kommt es, wenn man sich nicht mehr zusammennehmen kann und Provokationen kein Ende nehmen? 

Die Geschichte kann mit Humor genommen werden, sie sollte aber auch zum Denken anregen. 

Sonntagabend

Mutter

Vater

Tochter, Mitte 20

Sohn, etwas älter als die Tochter

 

 

Die Kinder kommen wie immer am Sonntag zum Familien-Abendessen. 

Als sie an der Türe klingeln, kommt der Familien-Hund Kurt sofort schwanzwedelnd auf die Beiden zu und begrüsst sie freudig. 

 

 

Vater (laut und bestimmt): Kurt! Geh in deinen Korb!

 

Tochter: Jetzt lass ihn doch! Niemand freut sich so sehr über meine Anwesenheit! 

 

 

Der Hund ist ausser sich vor Freunde.

 

 

Tochter (freudestrahlend, in hoher Stimme): Hallo, mein Schatz! Hallo, hallo! Na, hast du mich vermisst?

 

Vater (sehr bestimmt): Nein Kurt! In deinen Korb, jetzt! Sonst lernt er es nämlich nie!

 

Tochter (liebevoll und bekümmert): Kurt, ich komme nachher gleich zu dir! Hallo Papa, hallo Mama!

 

 

Der Hund zottelt davon und die Mutter gibt den Kindern einen Kuss auf die Wange. 

Der Vater gibt seiner Tochter einen Kuss auf die Wange. Beim Versuch, den Sohn zu küssen, weicht dieser zurück.

 

 

Sohn (gereizt): Warum versuchst du's immer wieder? Ich hab’ dir klar und deutlich gesagt, dass ich das nicht mag. Hör endlich auf damit!

 

Vater (geknickt): Schön, dass ihr da seid! Ich habe euer Lieblingsessen gekocht.

 

Tochter: Mmmh, danke! Was gibt’s denn?

 

Vater: Raclette. Dazu hat's Birnen und Tomaten, wie gewünscht, mein Herz.

 

Sohn (etwas vorwurfsvoll): Danke! Aber das ist gar nicht mein Lieblingsessen. Ich mag lieber Fondue.

Vater: Deine Schwester mag aber kein Fondue!

 

Sohn: Hast du wenigstens an die Currypaste gedacht?

 

Vater (provozierend): Daran gedacht habe ich schon. Aber das ist absolut widerlich. Wenn du Currypaste willst, kannst du das bei dir zu Hause essen.

 

Sohn (beleidigt): Ist doch scheiss egal, ob du Currypaste und Raclette widerlich findest. Das ist wieder einmal typisch.

 

Mutter: Flip doch nicht gleich so aus! Vielleicht hat's im Keller noch.

 

 

Der Sohn geht die Kellertreppe hinunter. Die Tochter geht zum Hund, der vor Freude immer noch nervös ist. Dieser dreht sich sofort auf den Rücken und lässt sich von ihr den Bauch kraulen.

 

 

Tochter (in hoher Stimme): Kurt, du bist einfach viel zu süss!

 

Vater (frustriert): Warum verteidigst du schon wieder deinen Sohn? Kannst du bitte einmal auf meiner Seite sein?

 

Mutter (etwas genervt): Ich habe niemanden verteidigt und bin auf keiner Seite. Es geht bis jetzt nur um eine Currypaste. Beruhig dich!

 

Vater: Das ist wieder typisch! Kaum ist er hier, gibt’s wieder Streit. Er hat mir nicht einmal Hallo gesagt.

 

Mutter: Nimm dich bitte zusammen! Vielleicht wird’s ja noch ein schöner Abend.

 

 

Der Sohn kommt aus dem Keller zurück.

 

 

Sohn (gefrustet): Es hat keine Currypaste!

 

Vater: Es ist auch widerlich.

 

Sohn (vorwurfsvoll): Ich kann essen, was ich will. Aber na ja, es hat ja sowieso keine Currypaste. Schade!

 

Mutter (besänftigend): Setzt euch doch einmal. Und hört jetzt sofort auf, über diese Currypaste zu streiten.

 

 

Alle setzen sich an den liebevoll gedeckten Tisch. Bei jeder Gabel liegt ein rotes Schokoladenherz.

 

 

Tochter: Danke Mama, für den schön gedeckten Tisch!

 

Vater: Die Herzen sind von mir!

 

Tochter: Ach wirklich? Süss, danke! 

 

 

Die Tochter steht auf und geht in die Küche, um die Kartoffeln zu holen. Dann kommt sie wieder zum Tisch.

 

 

Tochter: Wer möchte eine Kartoffel?

 

Mutter: Ja gerne. Kannst du mir zwei geben?

Sohn: Ich möchte auch zwei.

Vater: Ich möchte eine, mein Herz.

 

Sohn (laut): Scheisse, sind die heiss. Papa, nimm doch gleich zwei Kartoffeln.

 

Vater: Nein, das ist mir zu viel, hab’ nicht so Hunger. Ich nehme nachher vielleicht eine Zweite.

 

 

Die Tochter nimmt sich auch zwei und beisst bereits in die eine Kartoffel. Sie sind etwas hart, sie sagt aber nichts. Der Vater schenkt sich ein Glas Wein ein.

 

 

Tochter: Papa, gibst du mir bitte die Tomaten?

 

Vater: Aber sicher, mein Herz.

 

Mutter (angriffig): Fragst du mich und deine Kinder auch noch, ob wir Wein möchten?

 

Vater: Wer will Wein?

 

Sohn: Nein danke, ich mag keinen Weisswein.

 

Vater: Zu Raclette gibt's keinen Rotwein.

 

Sohn (seufzt): Nicht schon wieder! 

 

Tochter: Ich nehme gerne etwas Wein. Danke dir!

 

Sohn: Du, Vater, isst man Raclette mit Tomaten?

 

Vater: Du weisst, dass deine Schwester das gerne mag.

 

Sohn: Ach so, und Currypaste ist widerlich?

 

Vater: Das ist doch etwas anderes.

 

Sohn (trotzig): Was ist denn dabei bitteschön anders? Tomaten sind genauso unpassend wie die Currypaste.

 

Vater (etwas lauter): Siehst du, jetzt hast du selbst gesagt, dass deine scheiss Paste absurd ist.

 

Mutter: So, jetzt hört ihr Beide auf! Es nervt! 

 

Die Mutter beisst in eine Kartoffel.

 

 

Mutter (vorwurfsvoll): Andreas, die Kartoffeln sind noch hart.

 

Vater: Nein, ich hab’ sie nach deinem Rezept gekocht, das kann nicht sein.

 

Mutter (hitzköpfig): Das sagst du seit 30 Jahren. Die Kartoffeln sind noch hart und ich koche sie noch einmal. Ihr könnt mir eure gleich nochmals geben.

 

Vater: Nein, die Kartoffeln sind gut!

 

Mutter: Sind sie genauso gut, wie du immer behauptest, dass du nicht schnarchst?

 

Vater (überzeugend): Ich schnarche nicht!

 

Mutter (bestimmt): Doch! Du schnarchst! Und zwar seit 30 Jahren - jede, wirklich jede Nacht! Gebt mir eure Kartoffeln. Ich koche sie jetzt nochmals. 

 

 

Sie nimmt alle Kartoffeln zurück, legt sie in die Pfanne und stellt den Herd wieder an.

 

 

Sohn: Ich will dann aber nicht eine Angefressene von jemandem anderes.

 

Vater (provozierend): Beruhig dich. Davon kriegst du keine neuen Pickel.

 

Sohn (zickig): Ich habe keine Pickel. Aber ich will trotzdem keine Angefressene.

Tochter: Ja, ja! Ich fress' dann meine Angefressene.

  

 

Die Kinder bereiten ihr erstes Raclette vor.

 

 

Vater: Ich würde das Raclette noch nicht in den Ofen schieben, wir haben ja noch keine Kartoffeln.

 

Mutter (mürrisch): Hätte ich die Kartoffeln gekocht, dann hätten wir jetzt welche.

 

Vater: Ja, habe es jetzt begriffen. Das nächste Mal kochst du die Kartoffeln. Aber Kinder, wie gesagt, wir haben noch keine. Deshalb würde ich mit dem Raclette noch warten!

 

Sohn (vorwurfsvoll): Currypaste hat es ja auch nicht! Dann spielt es auch keine Rolle, ob ich 'ne Kartoffel habe oder nicht.

 

Vater (wütend): Das gibt’s doch nicht! Hör auf mit dieser scheiss Curry Paste! Das isst man nicht mit Raclette.

 

Sohn (gereizt): Was man tut, ist mir egal. Aber was ich tue, ist dir ja auch egal.

 

Vater (geladen): Es geht dir doch um die Currypaste. Oder bist du immer noch beleidigt, weil ich nicht an deine Präsentation gekommen bin? Ich hatte Hundeschule mit Kurt, das habe ich dir ja erklärt.

Sohn (hitzig): Hast du jetzt wenigstens ein schlechtes Gewissen? Oder ist dir Kurt immer noch wichtiger? 

 

Vater (empört): Du nervst! Ich habe euch alle lieb, und das weisst du!

 

 

Die Mutter geht zum Herd und überprüft mit einer Gabel, ob die Kartoffeln durchgekocht sind.

 

 

Vater (besserwisserisch): Die Kartoffeln kochen seit etwa einer Minute. Sie entsprechen deinem Gusto bestimmt noch nicht, meine Liebste!

 

Mutter (offensiv): Gerade du musst mir nicht sagen, wie ich Kartoffeln zu kochen habe! 

 

Vater (beleidigt): Ich bin ja schon gespannt, wie du uns die Kartoffeln hinzauberst!

 

 

Stille.

 

 

Vater (will die Lage wieder etwas beruhigen): Was habt ihr heute gemacht? Wir waren mit Kurt im Wald und später auf dem Gemüsemarkt in der Stadt. Heute haben wir viel erlebt, oder Kurt? 

 

Mutter (verärgert): Ich war übrigens auch dabei!

 

Vater (besänftigend): Ja. Kurt ist bestimmt müde von all' den Eindrücken!

 

Sohn (angriffig): Immer geht es nur um Kurt!

 

 

Die Mutter seufzt. Sie geht erneut zum Herd und checkt die Kartoffeln. 

 

 

Mutter: Die Kartoffeln sind noch hart.

 

Vater (pampig): Welch Überraschung, seit deinem letzten Check ist auch erst eine Minute vorüber.

 

Mutter (betrübt): Ich halte es mit euch Streithähnen am Tisch nicht mehr aus. Da sehe ich lieber den Kartoffeln zu.

 

Sohn (herausfordernd): Hast du gehört, Vater?

 

Tochter (entmutigt): So, es reicht! Hört doch endlich auf. Jedes Familien-Essen wird inzwischen zur Katastrophe. So habe ich nämlich auch keine Lust mehr!

 

Vater (desolat): Na super, jetzt bist sogar du wütend.

 

Tochter (entrüstet): Oh, entschuldige. Du und mein Bruder zickt euch gegenseitig an, seitdem wir gekommen sind. Und dann kommt auch schon die Nächste Katastrophe mit den Kartoffeln. Muss denn hier alles Streit geben?
 

Sohn (angriffig): Du kannst mich auch beim Namen nennen.

Tochter (niedergeschlagen, laut): Hör endlich auf damit!

 

 

Der Hund steht auf und kommt zum Tisch. Er kuschelt sich unauffällig an die Tochter.

 

 

Vater (enttäuscht): Na super, jetzt ist Kurt auch noch nervös!

 

Sohn (beklemmt, wutschnaubend): So, jetzt reicht’s mir aber endgültig. Mama, verzeih’ mir, aber ich gehe jetzt nach Hause.

 

Vater (gekränkt, zornig): Ach bei deiner Mutter kannst du dich entschuldigen? Und bei mir? Seit 10 Jahren hast du dich bei mir kein einziges Mal entschuldigt! Das ist absolut enttäuschend! Und weisst du was? Wenn du gehen willst, dann geh bitte! Dann können wir endlich in Ruhe essen und ich muss mir auch nicht mehr ständig Vorwürfe über deine blöde Currypaste anhören. Tschüss Max!

 

Sohn (innerlich tobend, nimmt sich zusammen): Der Vater spricht. Na dann, tschüss. 

 

Mutter: Tschüss, Max! Bis bald.

 

 

Der Sohn steht auf, sein Geschirr lässt er stehen. Er geht zum Hund. Dieser ist immer noch an die Tochter gekuschelt. Der Sohn streicht ihm liebevoll über den Kopf.

 

 

Sohn: Tschüss Kurti-Bär. Mach’s gut!

 

 

Der Sohn läuft wortlos zur Türe und zieht die Schuhe an. Der Rest schweigt und bleibt sitzen.

 

 

Sohn (emotionslos): Tschüss!

 

 

Mutter, Vater und Tochter schweigen. Er öffnet die Tür, tritt hinaus, und schliesst sie hinter sich. Sie schweigen immer noch. Sein Raclette brutzelt im Ofen.