essay

ESSAY

MEINE ARBEIT:  Text

MITARBEITER*INNEN:  Eigenarbeit

PRAXISPARTNER:  Eigenes Projekt

ERSCHEINUNGSJAHR:  2019

Im dritten Semester Medienethik meines Studiums hatten wir die Aufgabe, einen Medienethischen Essay zum Thema Gewalt in TV-Serien oder Filmen zu verfassen. 

 

Die Netflix-Kultserie «Black Mirror» bietet Tonnen an Themen zum Diskutieren. Im Essay befasse ich mich mit der Folge «Arkangel» und frage mich, was die Produzent*innen bei den Eltern durch den letzten Teil der Serie erreichen möchten.

Durch Überwachung zur Furie

«Arkangel»:
eine Folge der Kultserie «Black Mirror»

medienethisch reflektiert

 

Durch soziale Netzwerke und hochmoderne Tools auf Smartphones oder Computern wird die Überwachung des Individuums durch Dritte immer einfacher. Dadurch, dass diese Thematik immer wieder diskutiert und auch offengelegt wird, hat sich unsere Gesellschaft bereits darauf sensibilisiert und es auch akzeptiert. In der App «Freunde» von Apple ist es beispielsweise möglich, 24 Stunden, sieben Tage lang den Standort seiner Kontakte zu verfolgen. Zwar nur durch deren Zustimmung, doch trotzdem sind sich manche wahrscheinlich nicht bewusst, was dies bedeutet. Was kann durch die ständige Überwachung alles angestellt werden und was hat dies für Auswirkungen? Was, wenn die Überwachung zu weit geht? Kann dies sogar mit Gewalt verglichen werden?

In der Science-Fiction Kultserie «Black Mirror» von Charlie Brooker werden über sechs Staffeln pro Folge, in in sich abgeschlossenen Handlungen, die Entwicklung und Auswirkungen der Digitalisierung, der Medien und des technischen Fortschritts auf die Spitze getrieben. Mittels Extrembeispielen lässt sich mit mehr oder weniger Interpretation unsere reale Zukunft abzeichnen. Obwohl es eine Science-Fiction-Serie ist, vollziehen sich diese Entwicklungen laut Matthias Kettner (2018, S. 639-640) «nicht in den Formen von Verschwörung oder Apokalypse, sondern im Sog des douce commerce, als ein Strom von innovativen Produkten und Dienstleistungen, die durchaus den Wunsch wecken können, sie zu besitzen und zu nutzen, während man noch gebannt die unguten Konsequenzen verfolgt, die aus ihrer allseitigen Verbreitung und kulturellen Normalisierung entspringen können» (2018, S. 639-640).

Dieser Essay befasst sich im Allgemeinen mit der Gewalt, welche in audiovisuellen Medien dargestellt wird. Mithilfe eines Ausschnitts der «Black Mirror» Folge «Arkangel», ausgestrahlt auf dem Streamingdienst «Netflix», wird ein Extrembeispiel der Überwachung, spÄter auch der Gewalteinwirkung, analysiert.

Dabei soll erläutert werden, welche Botschaft der Produzent besorgten Eltern bewusst oder unbewusst mitteilt.

In der zweiten «Black Mirror» Folge der vierten Staffel, «Arkangel», wird der kleinen Sara Sabrell ein Chip ins Gehirn gepflanzt. Ziel: Das Kind soll nie mehr verloren gehen. Was in der Folge zuerst sehr abstrakt und übertrieben klingt, ist eigentlich ein normales Phänomen: nämlich die Mutter-Kind-Liebe. Mutter Marie liebt ihr Kind über alles. Was auch passiert, ihre Sara hat immer die erste Priorität. Damit ihr nichts zustossen kann und ihre Mutter jeder Zeit weiss, wo sich ihr Kind aufhält, lässt sie ihr einen Chip ins Gehirn implantieren. Damit kann eine Verbindung zum Tablet namens «Arkangel» hergestellt werden, womit die Mutter rund um die Uhr den GPS-Standort ihrer Tochter verfolgen kann. Doch das Orten ist nicht alles, was das Gerät der Mutter bieten kann. Über den Chip hat sie die Möglichkeit, alles, was ihre Tochter sieht und hört, auf dem Tablet zu verfolgen. Geschehnisse, die den Cholesterin-Spiegel von Sara ansteigen lassen, können in ihrem Hirn jederzeit durch die Mutter verpixelt werden. So hat die Mutter jeder Zeit die Möglichkeit, ihr Kind zu schützen. Sara kann oder muss sich so gar nie vor realer oder surrealer Gewalt, Blut oder jeglichen anderen «gefährlichen» Situationen fürchten.

Doch tut die Mutter in dieser Situation wirklich das Richtige? Schützt ihre Mutter ihr Kind durch den «Arkangel» oder führt sie ihm nur Leid hinzu? Geht die Mutter-Kind-Liebe hier nicht zu weit?

Die Gewissheit, Saras Mutter könnte sie jederzeit über den «Arkangel» beschützen, gab der Tochter im jungen Alter eine gewisse Sicherheit. Doch Sara wuchs in ihrer Kindheit auf, ohne ein einziges Mal einen bellenden Hund, ein Tröpfchen Blut oder einen Film mit Waffen gesehen zu haben. Ist das eine gesunde Entwicklung für ein Kind?

 

Über die Technik kann zwar viel Gutes erreicht werden und unser Leben wird durch den Fortschritt erleichtert. Nichtsdestotrotz kann genau dieser Fortschritt auch viel Negatives bringen. Die Entscheidung zwischen Gut und Böse in Bezug auf die Technik ist und bleibt wahrscheinlich auch eine Gratwanderung. Das findet auch eine Mutter in Bezug darauf, wie und wo sie die Technik im Hinblick auf ihre Kinder nutzen soll: «I think because as a tech advocate I am always aware of the fact that technology is amoral. Technology can do a lot of good. It can save lives. It can save the world. But if you want to use it for evil, you definitely could and with fantastic results» (Romana, 2018).

Wie entscheidet man als Mutter in der Situation von Marie? Vertraut man darauf, dass der «Arkangel» das Leben der Familie erleichtert? Oder sollte man zuerst nicht die Folgen abwägen? Was im Filmbeispiel mit einer extremen Liebe zum Kind beginnt, zeigt später auf, welche Auswirkungen der Kontrollwahn haben kann. Mithilfe des Beispiels der verzweifelten Mutter und der Liebe nach ihrem Kind zeigen die Produzenten, wozu wir, getrieben durch Emotionen und zu wenig Nachdenken, fähig sind.

Ein entsprechendes Tool wie der «Arkangel» ist zwar nicht auf dem realen Markt, doch weit davon entfernt ist der wissenschaftliche Stand nicht. Bereits seit mehreren Jahren sind unsere Hunde und Katzen gechipt. Falls wir sie verlieren, können sie jederzeit aufgefunden werden. So rasant sich unsere Handys entwickelt haben, so schnell kann es eben auch zu solch einem Implantat im Gehirn kommen. Doch spätestens als Sara in die Schule kommt, ist ein extremer Unterschied von ihr zu anderen Kindern zu erkennen. Sie weiss nicht, wie eine Waffe aussieht, oder kann nicht erkennen, wie eine Schlägerei aussieht. Ihr Spitzname in der Schule lautet «Chip-Hirn».

Hat man erst die Möglichkeit, sein Kind, sein Ein und Alles, jederzeit zu verfolgen und ihm durch das Verpixeln gefährlicher Situationen jeder Zeit zu helfen, so wird man süchtig davon oder erkennt das Überschreiten einer Grenze nicht mehr. Was ist der Anreiz der Mutter, den «Arkangel» in die Schublade zu legen oder gar wegzuwerfen? Temporär packt sie das Gerät zwar in eine Kiste und legt diese auf den Dachboden. Doch schon nur bei der kleinsten Sorge um ihr Kind greift sie zum Tablet, drückt auf den «On-Knopf», und versichert sich, dass ihr Kind in Ordnung ist. Erst danach ist sie wieder erleichtert.

Zwar verfügt die Mutter über die Bildrechte ihrer Tochter. Schliesslich ist sie noch nicht volljährig. Trotzdem ist sie als Teenagerin eine junge Frau. Meiner Meinung nach ist sie bereits als Individuum anzusehen, wodurch es nicht legitim ist, durch den Chip im Hirn, ohne die Zustimmung der Tochter, Bild- und Tonaufnahmen zu erstellen. Denn bei einer volljährigen Person würde es sich hierbei bereits um eine Straftat handeln. Dessen ist sich die Mutter in der Serie aber überhaupt nicht bewusst.

Das Drama eskaliert, als Sara am Abend nicht wie geplant nach Hause kommt. In grosser Sorge um ihr Kind überprüft die Mutter, wo sie sich befindet. Doch beim Anblick auf dem Bildschirm traut sie ihren Augen nicht. Sie erlebt gerade live das erste Mal ihrer Tochter durch den «Arkangel». In völliger Hilflosigkeit entscheidet sich die Mutter, vorerst nichts zu tun, ist danach aber extrem verstört. Dass sie ihr erstes Mal mitverfolgt hat, kann sie ihr nicht sagen. Ob und wie ihre Tochter verhütet hat, kann sie Sara auch nicht fragen. Denn sonst wäre ihre Tochter im Wissen darüber, dass ihre Mutter auch in ihrer Jugend noch immer alles über den «Arkangel» mitverfolgt. Damit Sara auch ja nicht schwanger wird, mischt die Mutter ihrem Kind heimlich eine «Pille danach» in den morgendlichen Smoothie. Daraufhin bricht Sara in der Schule zusammen. Damit hat Marie definitiv eine Grenze überschritten. Doch dies realisiert sie erst, als es schon zu spät ist.

Das durchaus sehr dramatische Ende der Serie lässt Eltern sicherlich darüber nachdenken, wo die Mutter eine Grenze überschritten hat. Wo handelt es sich nur um die Mutter-Kind-Liebe und wo geht die Kontrolle schliesslich zu weit? Gewalt beinhaltet viele verschiedene Aspekte und auch Szenarien. Zusammengefasst: Dort überschreitet die Mutter eine Grenze. Doch den genauen Zeitpunkt dessen zu definieren, wäre viel zu subjektiv. Denn dieser Prozess ist in der Serie schleichend dargestellt. Doch Grenzen zu überschreiten heisst auch immer Gewalt. Aber was genau ist Gewalt?

Für die Gesellschaft bedeutet Gewalt laut Helmut Lukesch (2018, S. 204) folgendes: «Im Grunde wird nach diesem Alltagsverständnis der Gewaltbegriff weitgehend mit dem Aggressionsbegriff gleichgesetzt, und zwar in dem Sinn, dass jegliches intendierte schädigende Verhalten oder doch zumindest jedes auf Schädigung gerichtete Verhalten, so es einen gewissen Schwellenwert überschreitet, als Gewalt verstanden wird.»

Als Beispiel dafür beziehe ich mich auf das durch die Mutter unauffällige Beimischen einer Pille danach in den Morgen-Smoothie der Tochter, ohne sie darüber zu informieren. Hierbei kommt es zu einer ersten Gewalttat. Genau definiert Helmut Lukesch (2018, S. 204) solch eine Tat als Gewalt im Sinne von «Macht» oder Herrschaftsbefugnis (z. B. Vollmacht, elterliche Gewalt, Staatsgewalt). Hierbei scheint die Durchsetzung eines fremden Willens gegenüber dem Wollen des Objektes der Gewalthandlung gemeinsam.

Den stark mit Hormonen versehenen Morgen-Smoothie trinkt Tochter Sara nach ihrem nächtlichen Erlebnis unwissentlich. Auch dass ihre Mutter weiss, was sie in den letzten 24 Stunden erlebte, weiss sie nicht. Doch als sie in der Schule schliesslich zusammenbricht und von der Schulärztin über den Schwangerschaftsabbruch informiert wird, fällt ihr das Geschehene wie Schuppen von den Augen. Damit hat ihr die Mutter zwar nicht absichtlich Leid zugefügt, doch sie hat ihre Tochter, wenn auch nur durch eine zu grosse Portion «Goodwill», in Gefahr gebracht. Und dies realisiert Sara blitzartig. Hastig macht sie sich auf den Weg nach Hause. Angekommen durchsucht sie auch schon den Mülleimer und findet die Packung der Hormonbombe. Unweit davon entfernt liegt natürlich der «Arkangel». Als die Mutter nach Hause kommt, kann sich Sara nicht mehr zusammenreissen. Sie schlägt mit dem Tablet auf die Mutter ein und hört erst auf, als das Gerät zerschmettert und die Mutter bewusstlos, mit Blut verschmiertem Gesicht auf dem Boden liegt. Dann verschwindet sie.

Das audiovisuelle Artefakt zeigt, was durch extreme Emotionen getrieben, wie beispielsweise eine Mutter-Kind-Liebe, schlussendlich entstehen kann. Dem Motto «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» geht die Mutter in der Serie nach und merkt nicht, dass genau diese Kontrolle ihrem Kind jahrelang nur schadet. Denn während ihrer Kindheit kann sie sich durch die fehlenden Eindrücke nicht entwickeln, bis es in der Jugend durch die ständige Überwachung schliesslich auch zum Übergriff kommt.

Es ist gut, die Technik und deren Fortschritt zum eigenen Vorteil zu nutzen. Doch vorher sollte immer genau abgewägt werden, ob der technische Fortschritt nun wirklich ein Vorteil ist oder ob es eben nur Schaden zufügt.

Literaturverzeichnis

Kettner, M. (2008). «Black Mirror» - Technikfolgenabschätzung in Serie. In C. Brand & S. Meitsch (Hrsg.), Ethik in Serie (S. 204). Tübingen: Tübingen Library Publishing

Lukesch, H. (2002). Gewalt und Medien. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung (S. 639-640). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH.

 

Romana, J. J. S. (2018). Arkangel or How I Learned to Stop Worrying and Just Try To Parent With Tech. Abgerufen von http://wailingsofawahm.com/arkangel-learned-stop- worrying-just-try-parent-tech/